ERSTARRUNG
UND wieder hat der geschlängelte tatzenwurm mit den glühenden augen
Einen schwall zukkender leiber ausgespien
Der zäh und müde sich über steinerne unterirdische gänge ergiesst.
So hat ein weiterer lichtloser tag begonnen
Der sich wie nur jedem andren gleicht
Und am abend tonlos in sich zusammenfallen wird.
UND die hirngespinste der nacht
Werden zu namenlosem schrekken am morgen
Der lähmenden lautlosen krake.
Der Schwarze Stock
Jezt wardst du geboren dann wirst du sterben
Hier gingst du zur schule und hier wirst du heiraten
Die lange dunkle linie kreuzt die ewigkeit
Geträumte rollen deuten ihr erfüllen an
Und siehe: greifbar wird die bedeutung.Kein laut · zerstöre nicht das feine weben
Uns ward es geschenkt · so ist das
GOtt und teufel treffen sich am hergotsekk
Und verschwinden
Und verschwinden.Diese seltsame ruhe
Diese selten nie gehörte langsamkeit · die pausen
Alles war heut anders noch als früher
Kein wort mehr · lausch dem nichts
Lausch dem nichts.Dies ist nicht das ende das der anfang
Zehn glokkenschläge sprechen
Und der wind entfaltet sich
Er kommt uns zu besuchen
Und zu fragen ob wir mit ihm gehn..
Über Christian Petzolds "Die Innere Sicherheit"
Unwirklich und verstörend wirkt dieser Film; er erzählt keine Geschichte, sondern stellt einen Zustand dar, den Zustand des Abgetrenntseins von der Gesellschaft. Die Hauptpersonen, Vater, Mutter und ihre Tochter, wandeln tatsächlich wie lebende Tote umher, sie haben nur eine Vergangenheit, aber keine Zukunft, ja, scheinbar nicht einmal eine Gegenwart. Doch selbst die Vergangenheit bleibt im vagen, kann nur erahnt werden, was den Eindruck des irreal-traumhaften noch verstärkt.Die Familie bewegt sich wie in einer hermetischen Blase durch eine lebensfeindliche Umwelt, immer der Tatsache bewußt, daß ein falscher Schritt das Ende bedeuten könnte.
Einige wenige, dezent eingestreute bissige gesellschaftspolitische Kommentare ändern nichts am auffallenden Mangel an Haltung, Position zur Problematik des verwendeten Sujets. Aber der Film will überhaupt keine Haltung einnehmen, er benutzt den zeitgeschichtlichen Hintergrund im wesentlichen nur als Ausgangspunkt, als Bühne, auf der dann das Spannungsfeld der drei Personen untereinander und zu ihrer Umgebung sich manifestieren kann.
Faszinierend ist die ungewöhnliche Kraft und Deutlichkeit der Bildsprache, die gerade auch durch eine äußerste Ökonomie der Mittel erreicht wird. Es gibt keine einzige überflüssigen Szene, die nicht ihre Bedeutung in einem Gesamtkontext hat. Mit einer bewunderswerten Reduktion erläutert eine einzige kurze Einstellung, eine Geste, oft schon einen ganzen Handlungsstrang.
Nachdem die wenigen Menschen (es sind derer genau drei, und jeder davon scheint einer bestimmten Hauptperson zugeordnet), durch die wie durch Kanäle noch ein Kontakt zur Außenwelt möglich war, alle im Laufe der Handlung nach und nach verschwinden - sie ziehen sich zurück oder werden vernichtet - bleibt nur noch eine letzte, bittere Konsequenz, die Katastrophe, eine Implosion durch den übermächtigen äußeren Druck. Doch die Parallelität zu früher eingebildeten ähnlichen Situationen und die groteske Unwahrscheinlichkeit der Situation lassen die Frage offen, inwieweit diese ganze äußere, bedrängende Wirklichkeit nur innerhalb des eigenen Bewußseins erzeugt wurde.
Tim Hardins als Rahmen verwendeter Song frägt: "How can we hang on to a dream ?". Und wie bei der Vernichtung eines Vampirs könnte man die Vernichtung am Schluß endlich vielleicht auch als Befreiung verstehen. Eine symbolische Nebentür war nur für die Tochter geöffnet.
Mathias Winkler
<-- links